Mentaltraining 3 – der Selbstversuch, Teil 2

Der geneigte Leser, die interessierte Leserin erinnert sich: vor einer Woche endete ich mit meiner mentalen Vorbereitung für den Jungfrau Marathon. Irgendwann wird jede Vorbereitung obsolet, die Bewährungsprobe konkret. Nicht diskutiert werden soll an dieser Stelle das Tapering – die physische Vorbereitung der letzten zwei Wochen und zwei Tage.


Rosenkohl-Fenchel-Salat: für die einen eine Delikatesse, für mich die Kombination der zwei schlimmsten Gemüsearten.

In bezug auf das obige Bild fragt sich: was hat das mit dem Wettkampf zu tun? Dem folgt die Frage, was tun, wenn der besagte Wettkampf ein Menü bereithält, das mir nicht passt. Es gibt genau zwei Gemüsesorten, gegen die ich eine echte Lebensmittelaversion hege. In bezug auf den kommenden Wettkampf könnte man das folgendermassen in Beziehung zueinander setzen: Wetter = Rosenkohl und kaum vorhandenes Training = Fenchel. Ich kündigte bekanntlich an, den Marathon nur bei schönem Wetter zu laufen. Die Chancen stehen üblicherweise gut, der Jungfrau Marathon fand bislang häufiger bei angenehmem Wetter statt. Nicht so bei mir.


Rosenkohl

Während der Anreise zogen immer mehr Wolken auf, beim Umziehen wurde es dunkel und rund 30 Sekunden vor dem Start begann es zu regnen. Da es gleichzeitig gerade mal 10° warm respektive kalt war, wusste männiglich bereits hienieden, dass es oben auf der kleinen Scheidegg schneien würde. Der Sieger sollte später tatsächlich im Schnee ankommen.


Fenchel

Gleichermassen aufbauend war der Speaker, der fürs Publikum vorrechnete, wieviel Vorbereitung so ein Marathon benötigt, dass Läufer jahrelang viele Stunden und Kilometer dafür trainieren. In diesem Moment ging mir durch den Kopf, dass es vielleicht doch nicht so eine gute Idee ist, hier mitzurennen.

Ein echter Fenchel-Rosenkohl-Salat. Aber ich liess mich mitreissen von der sommerlich aufgeheizten, wenn auch durch Regen abgekühlten Atmosphäre. Frei nach dem Motto: jetzt erst recht.


Salat

Unmittelbar nach dem Start regnete es nicht mehr – es schüttete. Zehn Kilometer lang, bis ungefähr Zweilütschinen. Dann liess der Regen ein wenig nach. Der Aufstieg nach Wengen war sogar mehr oder weniger trocken.

Diesen Abschnitt rannte ich bewusst nicht. Vor dem Rennen war mir klar, wenn ich das renne, stolpere ich anschliessend nur noch. Deshalb lief ich zügig. Das klappte wunderbar und oben bei Wengen, wo es wieder mehr oder weniger flach wird, peitscht dich das Publikum vorwärts – Momente, wo mentales Arbeiten quasi unnötig ist, die Motivation steigt ins Unermessliche, man freut sich tatsächlich und geniesst den Augenblick. Denn hinter dem Ortsausgang wird’s wieder ruhig, Wengen bleibt zurück, es wird einsamer, man ist wieder bei sich und nur sich angelangt. Auch hierfür hatte ich ein Programm, das vorsah, nun regelmässig Cola und Wasser zu trinken. Cola gibt einem das Gefühl, wieder zu Kraft zu kommen – was einen beflügelnden Effekt hat.


Beilage: Krise

Ich hatte bislang keine einzige Krise. Bis zur Abzweigung Wixi bei Kilometer 39. Hier wird’s richtig steil. Rechts fällt der Eigergletscher (den ich aufgrund dichten Nebels notabene nicht sehe), und nachdem ich 39 Kilometer lang wie auf einer Wolke schwebte, falle nun auch ich. Bei buchstäblich jedem Schritt überlege ich, aufzugeben. Der einzige Grund, weshalb ich es nicht tue: ich muss ohnehin hoch. Die Alternative „runter“ ist eigentlich keine, da viel weiter bis zum rettenden öffentlichen Verkehrsmittel. Ausserdem warten in der Scheidegg meine wärmenden Klamotten. Irgendwann bin ich oben, versuche ein Lächeln für den Fotograf und renne wieder.


Dessert

Im Gegensatz zu Spitzensportlern ist mir die Zeit egal, fast jedenfalls. Ich habe die gesteckten Ziele zu einem grossen Teil erreicht, was zu mehr Zufriedenheit als Unzufriedenheit führt. Auf der Heimfahrt rekapituliere ich und mehr und mehr kommt Stolz. Auch am nächsten Tag hält das Gefühl an und noch heute, zwanzig Jahre später, stelle ich fest, dass der Jungfrau-Marathon einer meiner schönen Wettkämpfe war. Trotz Dauerregens, trotz der Tatsache, dass ich weder den Eiger noch den Gletscher gesehen habe, trotz des Umstandes, auf den letzten drei Kilometern grausam gelitten zu haben.


In der nächsten Folge geht es um die Nachbearbeitung des Wettkampfes – was so was wie die Vorbereitung für den nächsten Wettkampf darstellt.

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